Warten - Ein Projekt der Oberstufentheatergruppe 2010/2011

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Schon zu Beginn dieses Schuljahres, noch vor der ersten Probe, sahen wir uns gezwungen, unser Stück auszuwählen, das noch im Februar 2011 aufgeführt werden sollte, da der Zeitplan durch den doppelten Abiturjahrgang sehr eng war. Es stellte sich hier bereits heraus, dass die Gruppe mit riesiger Spielfreude und großem Einsatz bei der Sache war, denn die Schauspieler setzten sich die Durchführung eines schwierigen Projekt zum Ziel. Es sollte eine Symbiose zwischen Anton Tschechows „Kirschgarten“ und Samuel Becketts „Warten auf Godot“ sein. Den inhaltlichen Schnittpunkt sahen wir im „Warten“, das in beiden Stücken zu nichts führt, also ohne Sinn ist. Godot wird nie kommen, existiert vielleicht gar nicht, die finanzielle Rettung für den Kirschgarten einer ehemals einflussreichen russischen Familie wird nie aktiv angegangen.

Die erste Probenphase war geprägt vom Zusammenfinden der Gruppe: Wir lernten uns kennen, warfen uns in die Luft oder durchquerten im Vertrauen auf den anderen den Proberaum blind. Besonderer Wert wurde auf Übungen zur Ausbildung der Körperspannung gelegt, schließlich müssen Schauspieler auf der Bühne auch mit ihrem Körper sprechen. Bei der Rollenarbeit orientierten wir uns beispielsweise an den Schauspielstil von Michail Tschechow, ein Neffe von Anton Tschechow, der von der Körperarbeit ausgehend einen Weg ins Gefühl und damit in die Rolle hinein sucht. Erst dann, wenn man sich seiner Bewegungen bewusst ist, können Szenen entwickelt werden. Immer mehr versuchten wir, wie die Gruppe als Chor agieren und sprechen könnte, um dem pädagogischen Grundkonzept Rechnung zu tragen: Jeder Spieler ist immer auf der Bühne und damit gleich wichtig für die Gruppe und die Endaufführung.

Kurz vor den Weihnachtsferien trafen wir uns zu den Probentagen im Jugendübernachtungshaus Haunersdorf. Dort stieß mit Ulrike Fink eine ausgebildete Theaterpädagogin aus dem Raum Nürnberg zu uns, die für viel Input und Spielfreude sorgte. Zwischen Nudelsuppe und Pizza wurde entschieden, welche Szenen Teil der Aufführung werden sollten. Diese wurden angespielt und immer wieder überarbeitet. Dabei ergab sich langsam ein Grundkonzept für unser Stück „Warten“, welches dann auch in der Aufführung zum Tragen kam.

Die Godot-Gruppe bewegte sich auf der linken Bühnenhälfte, die trostlose Situation des Wartens auf eine nicht-existente Person wurde durch kaltes, blaues Hintergrundlicht unterstrichen. Das Kirschgarten-Ensemble agierte hingegen auf der rechten Bühnenhälfte, warmes, oranges Licht stellte die Scheinharmonie dar, alle feiern sich selbst, ohne sich ihres Untergangs bewusst zu sein. Zwischen den beiden Gruppen steht einsam und verloren ein Kirschbaum, der Quell der Zukunftshoffnung. Dieser ist allerdings vollkommen ausgedörrt und versagt den Figuren somit jegliche Rettung. Letztere sprechen reduziert und pointiert, bisweilen aber auch übertrieben pathetisch, auch im Sprechen wirken sie somit realitätsfremd und traurig. Wie am Anfang fließen beide Gruppen auch in der letzten Szene wieder ineinander – gewissermaßen zurück in die Gegenwart – und bilden einen gewaltigen Stimmenchor, der ausspricht, was im ganzen Stück zu spüren war: Pure Vernunft darf (und wird) niemals siegen!

Trotz dieser doch recht schweren Kost war unsere Zeit geprägt von großer, positiver Energie. Wir lachten, wir lernten viel über uns und wir erfuhren die Welt von Tschechow und Beckett – zwei weltberühmten Autoren, deren schwierige Dramen diese besondere Gruppe hervorragend umsetzte.